Nigeria Generelle Situation: Eindrücke auf der Reise

 

Ein Bericht von Jochen Kirche (Mission 21)

Wie aufgrund der diversen Berichte des vergangenen Jahres zu erwarten war, hat sich die Sicherheitslage in Nordnigeria seit meinem letzten Besuch vor rund einem Jahr in der Tat weiter stark verschlechtert.

 

Die Ausrufung des Ausnahmezustands in den nordöstlichen Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa wird von der Bevölkerung insgesamt offenbar sehr begrüsst. Entgegen aller sonst zu hörenden Vorbehalte gegenüber der Integrität und Wirksamkeit des Militärs werden in den laufenden Einsatz gegen Boko Haram grosse – oder besser gesagt: letzte  -Hoffnungen gesetzt. Alle damit verbundenen Einschränkungen wie die Einschränkung des Telefonnetzes, eine strikte nächtliche Ausgangssperre, lange Staus durch intensive Militärkontrollen etc werden dafür billigend in Kauf genommen.

 

Brennpunkte der Gewalt durch Boko Haram sind vor allem die Bundesstaaten Yobe und Borno. Allein in Borno hatte die islamistische Sekte in den vergangenen Monaten offenbar bereits 23 Gemeinden von jeglicher Vertretung staatlicher Obrigkeit „befreit“ und ihre eigene Flagge über dem Ort gehisst. Noch immer sterben durch Boko Haram insgesamt mehr Muslime als Christen: Sicherheitskräfte und andere Beamte, Muslime mit einem weniger radikalen Verständnis des Islam etc. Christen kommen insbesondere bei Angriffen auf Kirchen ums Leben sowie im Rahmen sogenannter „silent killings“ (nächtliche Übergriffe auf Wohnhäuser).

 

Sehr bewegt hat mich in diesem Zusammenhang die Begegnung mit dem ehemaligen EYN-Präsidenten Filibus Gwama. Dieser sonst so ruhige, gefasste Mann erzählte mir in gestenreichen Worten, wie Christen in bestimmten Gegenden Bornos systematisch ermordet oder von ihren Häusern und Feldern vertrieben werden. Auch er selbst sah sich wegen der zunehmenden Zahl brutaler Raubüberfälle und „silent killings“ durch Boko Haram und diverser in ihrem Gefolge operierender Diebesbanden bereits im September 2011 genötigt, nach nur drei Monaten seinen schönen Altersruhesitz in Gavva zu verlassen. Nun wohnt er mit seiner Frau wieder in der Nähe des EYN Headquarters.

 

Während es in den Siedlungen am Rande der Stadt Jos gelegentlich noch immer zu gewaltsamen Übergriffen kommt, hat sich die Lage innerhalb der Stadt offenbar zwischenzeitlich beruhigt. Bereits seit rund einem Jahr kam es dort zu keinerlei Zusammenstössen mehr. Trauriger Grund dafür ist der Fortbestand der religiös streng segregierten Viertel in der Stadt mit sich jeweils ebenso parallel entwickelnden sozialen, politischen und ökonomischen Systemen. Man lebt, arbeitet und wirtschaftet „unter sich“ – zumindest offiziell. Denn auffallend wenige Muslime kleiden sich noch in ihre traditionellen Gewänder. Die meisten tragen inzwischen westlich orientierte Hemden und Hosen und können sich so quasi unerkannt unter die Christen mischen. Doch auch wenn das  gegenseitige Vertrauen langsam zurückkehrt, bleibt die Wachsamkeit ist gross, und jenseits des friedlichen Scheins sind Misstrauen, Angst und die Erinnerung an erlittene Traumata nach wie vor sehr stark präsent. Es braucht nur wenig, um sie wieder zurück an die Oberfläche zu holen.

 

Perspektivwechsel: Im Blick auf die Situation der Gesamtkirche mahnt die Kirchenleitung der EYN zu Besonnenheit und warnt vor Schwarzmalerei. So zeichnet sie in ihrer Gesamtschau der Situation der EYN ein zwar ebenfalls bedenkliches, doch in sich eher „tröstliches“ Bild: Während sich einige Kirchen leeren oder ganz geschlossen werden (letzteres betrifft zur Zeit sieben Kirchgemeinden im ländlichen Raum von Borno, Yobe und Adamawa), sind andere voller denn je (z.B. im Zentrum von Maiduguri). Menschen aus den umliegenden Gemeinden ziehen in die vergleichsweise sichereren Städte und sammeln sich zur gegenseitigen Stärkung.

 

Doch auch dort, wo Gemeinden bleiben oder gar wachsen, feiern sie ihre Gottesdienste in ständiger Angst vor Anschlägen und in der Regel nur unter dem Schutz von Polizei und Militär. Dass auch das Gespräch vor der Kirchentür lebensgefährlich sein kann, erlebte ich in Jos: Im Gottesdienst wurde die Gemeinde im Rahmen der Abkündigungen gebeten, sich auf Hinweis der Sicherheitskräfte nach dem Segen möglichst direkt und ohne Umwege nach Hause zu begeben.

 

Die Arbeit der Kirche in ihren verschiedenen Gruppen und Programmen läuft aus Sicht der Kirchenleitung insgesamt unvermindert weiter. Aus Sicht der einzelnen Programme stellt sich dies jedoch mitunter auch ganz anders dar: So ist etwa das TEE-Programm, dessen Studierende vor allem aus Borno und der Gegend um Maiduguri stammen, durch die aktuelle Krise enorm beeinträchtigt. Reguläre Arbeitssitzungen und andere Veranstaltungen sind in dieser ehemaligen Kernregion kaum noch möglich. Die Studierendenzahlen brechen dramatisch ein, mit entsprechenden Konsequenzen für die finanzielle Situation des Programms und für die Moral ihrer Mitarbeitenden. 

 

Singende Frauengruppen und andere kirchliche Bewegungen in ihren Uniformen sind in Borno und Yobe aus dem Strassenbild verschwunden. Wenn überhaupt, versucht man sich in der Öffentlichkeit unauffällig zu bewegen. Frauen (auch Christinnen) in einigen Gemeinden in Yobe und Borno müssen sich in der Öffentlichkeit verschleiern. Uniformem werden in der Tasche zur Kirche getragen und erst dort angezogen. Freiluftveranstaltungen in Yobe, Borno und Adamawa wurden von den Sicherheitskräften gar ganz verboten.

 

Insgesamt lässt sich festhalten, dass wo immer im Norden Nigerias derzeit kirchliche Programmarbeit stattfindet, die Angst vor Anschlägen ständig mitschwingt. Gleichzeitig findet analog zur Entwicklung der Gemeinden auch hier eine Verlagerung der geographischen Schwerpunkte der Arbeit aus den zur Zeit eher unsicheren Gebieten in vergleichsweise sichere Regionen statt.

 

Die Finanzsituation der Kirche ist trotz der angespannten Lage insgesamt weiterhin stabil. Die Abgaben an Kirchenbezirke (DCCs) und Kirchenleitung werden nach wie vor ordnungsgemäss abgeführt. Einnahmerückgänge durch zurückgehende Gemeindegliederzahlen oder die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in bestimmten Gegenden werden durch Wachstum an anderen Orten (insbesondere in den grossen Städten wie Jos, Abuja, Lagos und Port Harcourt) wieder ausgeglichen.