Reisebericht aus Nigeria, 8. - 27. Mai 2015

Liebe Gemeinde,

zusammen mit Frau Jutta Hennerich besuchte ich auf Einladung von Markus Gamache mehrere Flüchtlingscamps und wir waren bei der feierlichen Eröffnung von 62 fertiggestellten Häusern im Flüchtlingslager von Gurku, nahe der Hauptstadt Abuja. Dabei habe ich festgestellt, dass das von Markus Gamache, dem Balinger Kirchenbezirk und der Stiftung S.H.A.R.E. (www.share-foundation.de)  initiierte „Interfaith Relocation Project“ als überkonfessionelles Wiederaufbauprojekt das am besten organisierte und mit viel Umsicht verwaltete Flüchtlingscamp ist. Jede Familie musste für ihr Haus ungefähr 1.000 Lehmziegel selber herstellen wobei das Material aus den Tonböden  vor Ort kam. Es wurden 2-3 Zimmer in einem Wohnhaus erstellt, Küche und Toiletten sind traditionell außerhalb der Häuser gebaut. Zusätzlich wurden mehrere Brunnen gebohrt, damit jede Familie genügend Wasser bekommen kann.  Das alte Dorf Gurku existiert bereits, ist wunderschön gelegen und mit fruchtbaren Böden für den Ackerbau umgeben. Auch daran wurde im neu errichtenden Flüchtlingscamp gedacht und entsprechende Möglichkeiten zum Anbau von Feldfrüchten geschaffen wobei die neue Gemeinde an die nötige Infrastruktur angebunden ist . Zudem wird ein gutes Miteinander zwischen alteingesessenen und neuen Gemeindemitgliedern angestrebt, da hier nicht nur unterschiedliche Konfessionen, sondern auch eine Vielzahl von Stämmen leben. Daher fördert die S.H.A.R.E Foundation eine friedliche Mediation sowie umfassende Traumabewältigungsmassnahmen sowohl  für die christlichen und muslimischen Boko Haram-Binnenflüchtlinge als auch für deren Zusammenleben mit den bisherigen Dorfbewohnern, welche durch CEPAN (center for peace advancement in Nigeria oder Zentrum zur Friedensförderung) anhand konkreter Aktivitäten vor Ort umgesetzt und geleistet wird.

Frauen aus dem Dorf haben bei der Eröffnung für alle Festgäste gekocht.  Der Bürgermeister der Gemeinde Gurku und ein Stellvertreter des Emirs der Region sprachen ein Willkommen-Grußwort. Die verschiedenen Stämme haben ihre traditionellen Tänze der jeweiligen Region fantasievoll umgesetzt und da die Flüchtlinge kaum Kleidung mitnehmen konnten, wurde improvisiert.

Durch die Unterstützung der S.H.A.R.E.-Foundation, eigenverantwortlichem, den Kirchen unseres Kirchenbezirk sowie privater Spender konnte hier ein Model-Dorf entstehen, dessen Idee weite Kreise gezogen hat. Vor allem durch die Vision von Markus Gamache, ein überkonfessionelles Flüchtlingscamp zu erstellen, sind heute  viele Organisationen bereit, mit ihrer Unterstützung  zu einem guten Miteinander beizutragen.  

Beim Gespräch mit Flüchtlingen habe ich viele bedrückende Geschichten erfahren, von Mord und Totschlag, von Flucht, Hunger und Ausweglosigkeit. Ein Pfarrer hat erzählt, dass seine Tochter von Boko Haram gefangen wurde und sich zum“ richtigen Islam bekehren“ sollte. Da sie dies abgelehnt hat, wurde sie bis zum Hals eingegraben und anschließend gesteinigt bis zum Tod. So viele traurige Kinderaugen habe ich noch nie gesehen und ich möchte mir nicht vorstellen, was diese Kinder alles miterlebt haben.  

Pfarrer Dr. Toma Ragnija habe ich in Jos getroffen. Er ist vielleicht noch vielen von uns in guter Erinnerung, da er wegen der direkten Partnerschaft von Gemeinde zu Gemeinde schon ein paarmal in Balingen war und auch hier gepredigt hat. Er musste mit seiner Familie aus diesem Dorf fliehen, da die Terrorgruppe  auch hier am Morden war. Sie haben in der Kirche die Bänke zusammengestellt, mit Benzin übergossen und somit das ganze Gebäude bis auf die Grundmauern zerstört. Das Wohnhaus von Pfarrer Toma steht noch, ist aber vollkommen ausgeraubt worden und die ganze Kirchenleitung arbeitet jetzt von Jos aus, weiter im Süden. Zwar ist die Terrorgruppe Boko Haram aus dem Gebiet um Mubi zurückgedrängt worden und auch sichtlich in sich geschwächt, aber die Gefahr ist noch gegeben und man rechnet damit, dass sich die Gruppe neu bewaffnen wird, mit dem Ziel weiter zu morden und zu brandschatzen, um ihren eigenen islamischen Staat zu errichten.

Ich habe die Reise als Solidaritätsbesuch für unsere verfolgten Schwestern und Brüder in Nigeria empfunden. Deshalb ist es für mich sehr beglückend festzustellen, dass durch die gemeinsame Hilfe  aller beteiligten Partner vielen Flüchtlingen eine neue Heimat und Hoffnung geschenkt werden konnte.

Ihre Christa Schwarz

Neue Heimat für entwurzelte Menschen

Durch das furchtbare Wirken der Islamistischen Sekte "Boko Haram" sind Chirten und Muslime verfolgt, Kirchen geplünert und verbrannt, Landstriche und Gemeinde besetzt, Tausende Tote sind zu beklagen.

Zuerst waren ausschlißelich Christen das Ziel der Aktionen, dann aber auch Muslime, die sich an westlichen Werten  orientierten.

200 junge Mädchen einer secondary school wurden entführt, sie konnten weder durch die nigerianische Armee, noch durch ausländische Kräfte aufgespürt werden. Viele Menschen sind auf der Flucht, viele gingen nach Norden, nach Kamerun, wo sie aber von dortigen Grenzern nicht eingelassen wurden, weil diese Angst vor der Terrormiliz haben. Viele sind nach Süden gewandert, dort ist es aufgrund der christlichen Mehrheit recht sicher, Familien wurden auseinandergerissen, Kinder und ältere Menschen starben auf der Flucht. "Wir erleben Furchtbares"" , so Dr. Yakubu Joseph auf der Bezirkssynode am 13. März im Johann-Tobias-Beck-Haus.

Er und Jauro Gamache hatten eine Idee: Mit der Hilfe des Balinger Bezirkes wurde Land im Süden, in der Nähe der Hauptstadt Abuja gekauft, einfache Häuser, zui denen die Familien die Steine aus Ton selbst formen und brennen, werden gebaut, Familien werden dort angesiedelt.

Dr. Joseph dazu: "Das neue Dorf heißt "Gurku", doch egal wie es heißen mag, es wird mit dem Namen "Balingen" immer verbunden sein."

 

 

 

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Markus Gamache